Autor Thema: Tarifrunde Öffentlicher Dienst 2020- Auswirkungen auf den Nahverkehr  (Gelesen 5665 mal)

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Offline firefox

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Du kannst die Hand jetzt wegnehmen, es gibt eine Pressemitteilung mit selben Inhalt.
Gruß Foxi

Offline Service-Champion

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Am Dienstag gibt es bundesweite Warnstreiks. Ich plane die S-Bahn zu nutzen
Zu diesem Streik musste sich unbedingt noch jemand in der LVZ äußern, Schlagzeile:

LVB-Chef Middelberg:
"Auf dem Rücken der Fahrgäste"


Dass die Ursache für diesen Streik darin lag, dass sich der Arbeitgeberverband geweigert hat,
mit der Gewerkschaft über die Forderungen zu verhandeln, hindert Herrn Middelberg nicht
daran, Verdi dafür anzuklagen, dass "dieser Kampf auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen"
werde.

Wenn allerdings das Missmanagement der LVB-Chefetage gerade auch im Personalbereich dazu führt,
dass das Angebot über Monate hinweg deutlich reduziert wird, hört man aus der LVB-Zentrale nichts
über den Rücken (oder die Füße) der bedauernswerten Fahrgäste.

Offensichtlich hat Herr Middelberg immer noch nicht begriffen, dass zwischen Arbeitsbedingungen
und Personalmangel ein Zusammenhang besteht, aber solange das eigene Gehalt stimmt, ist die Welt
ja in Ordnung.  ::)

Zur Zeit werden ohnehin die Fahrgäste der Linien  /SL.012 und  /SL.008 zwischen Gohlis und Hbf.
bzw. Paunsdorf und Sellerhausen bestreikt. Jede zweite oder dritte Fahrt fällt aus, ohne dass die
Fahrgäste ihr Geld zurückbekommen.  8-)

Es gab an den Haltestellen aber auch Unterstützung für den Streik



(Die Zettel waren schneller wieder verschwunden, als die Fahrpläne aktualisiert werden)  ;D
Bitte beachten Sie beim Lesen,
dass das Niveau des Beitrags
nicht durchgehend erhöht ist.

Offline Tilman

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Die LVZ schreibt, dass die  /S-Bahn heute Züge (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) verstärkt. So sollen auf der  /S1 Doppeltraktionen (ich nehme an, 2x Dreiteiler) unterwegs sein, die freiwerdenden Vierteiler werden dann wohl woanders eingesetzt (wo?) Kann das jemand bestätigen?

Offline opi

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Die LVZ schreibt, dass die  /S-Bahn heute Züge (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) verstärkt. So sollen auf der  /S1 Doppeltraktionen (ich nehme an, 2x Dreiteiler) unterwegs sein, die freiwerdenden Vierteiler werden dann wohl woanders eingesetzt (wo?) Kann das jemand bestätigen?

Also ich hatte Heute auf der /S1 einen Dreiteiler in Einertraktion, war schön kuschelig und ergab +5 am Wilhelm-Leuchner-Platz (Richtung Stötteritz).

Offline MD 612

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LVB-Chef Middelberg: "Auf dem Rücken der Fahrgäste"
Das ist doch die Standardäußerung von Konzernvorständen, wenn ihr Laden bestreikt wird. Das kennen wir Lokführer doch zur Genüge. Leider werden solche Äußerungen von der Presse auch meist unreflektiert wiedergegeben, Gegendarstellungen der Gewerkschaften dazu nur ganz unten und ganz klein abgedruckt.

Ich sag immer: Einfach ignorieren, so wie diese Typen auch die Gewerkschaften und damit ihre Mitarbeiter ignorieren...

Gruß Peter
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Auch wenn ich es schon mal geschrieben habe, finde ich, dass die Streiks nicht dazu beitragen, mir die Angst von der Arbeitslosigkeit zu nehmen. Nachdem die Fahrgäste wegen Corona ausgeblieben sind, und sich in meinem Portemonnaie trotz Kurzarbeit nicht viel geändert hat, kommen sie jetzt langsam wieder. Da muss ich sagen, das oberste Ziel wäre, durch Attraktivitätssteigernde Maßnahmen die Fahrgäste zurückzugewinnen und nicht durch so etwas einen weiteren Rückgang zu provozieren. Wenn die Fahrgäste um 1 Drittel zurückgehen, kann es durchaus sein, dass auch die Fahrpläne dem angepasst werden, so wie ich es in Leipzig befürchten muss. Und der Fahrgast im Mittelpunkt trifft hier auch nicht so wirklich zu.  Das ist - zumindest für mich - das oberste Gebot, bei allem was ich tue.
Witzigerweise war ich  am Streiktag betroffen und habe tatsächlich gemerkt, dass ich den ÖPNV gar nicht so dringend brauche, Fuß und Fahrrad sind oft nicht viel langsamer. Da habe ich tatsächlich Angst bekommen.  Letztendlich lebe ich von der Bequemlichkeit vieler Leute, da es den meisten Fahrgästen zumindest äußerlich sehr gut zuzutrauen wäre, auch etwas weitere Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewältigen. Einige haben auch ein Auto, was man an den Staus gut gesehen hat. Wenn der ÖPNV jetzt "unzuverlässig wird" und halt nicht schnell die Bahn kommt, wenn man sie erwartet, dann ist das eine gute Grundlage, dem ÖPNV dem Rücken zu kehren. Eine Alternative gibt es (fast) immer.

Offline 2101

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Ich glaube ein Streik ist auch nicht dazu da, dir die Angst zu nehmen. Streiks sind in meinen Augen wichtig und richtig und ich kann nur jeden empfehlen einer Gewerkschaft beizutreten um gemeinschaftlich für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne zu kämpfen. Von selber werden die Arbeitgeber nicht kommen und mehr Lohn geben oder bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Das jetzt vorgelegte Angebot ist eine Frechheit und ein Schlag ins Gesicht der Arbeitnehmer. In diesem Land ist genügend Geld vorhanden, so dass es kein Problem sein sollte seine Leute ordentlich zu entlohnen. Und zwar auch das Personal bei den LVB, welches Tag für Tag dazu beiträgt den Nahverkehr in Leipzig am laufen zu halten. Die Gehälter hier sind ein Witz für die geleistete Arbeit! Genauso wie Marc Backhaus, der sich noch hinstellt und sagt: "Wir sind irritiert, dass das erste Angebot einfach abgelehnt wurde.“ Also ich kann es verstehen und habe Verständnis für die streikenden Mitarbeiter. Sie haben einfach mehr verdient!
Und durch "Attraktivitätssteigernde Maßnahmen die Fahrgäste zurückzugewinnen" ist zwar richtig, hat aber mit einer ordentlichen Entlohnung seines Personals nichts zu tun. Das sind zwei verschiedene paar Schuhe.

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Ich glaube, du verstehst mein Problem nicht.  Als Witz bezeichne ich mein Gehalt nicht, vielleicht bin ich auch einfach mehr bescheiden. Mehr ist natürlich immer toll, aber momentan sehe ich wichtigere  Dinge. Was passiert, wenn im August das Tarifmoratorium ausläuft? Viele Fahrgäste haben weniger Geld durch Kurzarbeit oder weil sie als Selbstständige um ihre Existenz kämpfen.  Und dann knapp 5 % mehr fordern? Wie soll man das dem Fahrgast erklären? "Sorry, aber wir wollen schon eine ordentliche Erhöhung, da müssen Sie dann halt 20 ct mehr zahlen." Das kommt nicht gut an. Und natürlich vergraulen die Streiks Fahrgäste, die - wie zu Zeiten des Lockdowns - wieder für nichts zahlen und das nicht gut finden. Und genügend Geld da? Die Milliardenlöcher in den Haushalten sind dir bekannt?  Und wenn das Angebot weniger rentabel ist, dann wird sicherlich wieder gekürzt und dann nicht per Kurzarbeit, sondern weil man gehen muss. Und für mich ist eine Sache klar: Der Kunde sollte unter keinen Umständen zum Verlierer der Krise werden. Wenn sich Lohnsteigerungen von der Wirtschaftlichen Entwicklung erkennbar abkoppeln (vor allem nach oben) läuft für mich etwas verkehrt.

Offline SES

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"Letztendlich lebe ich von der Bequemlichkeit vieler Leute, da es den meisten Fahrgästen zumindest äußerlich sehr gut zuzutrauen wäre, auch etwas weitere Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewältigen."

Das ist Wertent und in meinem Beruf ein No-Go.
1898-05-26 Behördliche Probefahrten.
1898-05-27 Eröffnungsfahrten und -feier.
1898-05-28 Aufnahme des Fahrplanmäßigen Betriebes.

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wieso sind solche Wertungen ein No-Go? Ich wollte damit nur ausdrücken, dass ich eine Arbeit ausführe, auf die die wneigsten angewiesen sind, und daher vorsichtig sein muss, weil wenn die Fahrgäste verzichten, dann bin ich auch irgendwann bei der Agentur für Arbeit.

Offline Linie 22

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@Fahrer: SO denkt man wohl auch in der LVB-Geschäftsführung! Daher "Ferienfahrpläne" und sonst welche Einschränkungen bei der LVB, der Fahrgast kann ja gerne zu Fuß gehen oder das Rad nehmen, die Leute werden sowieso immer adipöser...Mein Gott, wie kann man seinen Beruf so herabwürdigen!
Wenn du dich mal in den Geschäften umgesehen hast: Die Preise steigen! Die temporäre Mehrwertsteuersenkung wiegt das in keinster Weise auf.
Ebenso erhöhen Vermieter weiterhin gern ihre Miete.
Klar sind diejenigen daher erst recht gekniffen wo es keine Tarifvertragsbindung gibt, wo es  Angestellte gibt denen man 15 Jahre lang keine Lohnanpassung gegeben hat, oder Selbstständige die jetzt ihr "Vermögen" ihrer Altervorsorge erstmal weitgehend aufbrauchen sollen bevor sie Armut-per-Gesetz-Gelder bekommen usw., allerdings sind diese sozialen Ungerechtigkeiten kein Grund sich bei Tarifrunden klein zu machen!
Solidarität heißt Unterstützung aller Betroffenen die mit sozialen Ungerechtigkeiten in diesem Land zu kämpfen haben, dabei aber das Niveau nicht absenken, sondern heben!
Zum Beispiel: Tarifvertragsbindung für alle Beschäftigten, statt Hunger-Mindestlöhne!
Freie Arbeits-und Berufswahl für Arbeitslose, so wie es im Grundgesetz eigentlich garantiert ist!
Schutz von Selbstständigen vor Verarmung!
Und vieles andere mehr was mit sozialer Ungerechtigkeit zu tun hat!

Offline MD 612

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Auch wenn ich es schon mal geschrieben habe, finde ich, dass die Streiks nicht dazu beitragen, mir die Angst von der Arbeitslosigkeit zu nehmen.
Mit solchen Ängesten spielen Arbeitgeber immer gerne in derartigen Konflikten. Und wie man sieht, bei manchen Kollegen funktioniert das auch. Nur mal so, den LVB fehlen Fahrer in rauhen Mengen, die Fahrpläne werden schon seit Jahren personalbedingt ausgedünnt. Zudem reden wir von einer dringend notwendigen Verkehrswende, da wäre ein Ausdünnen der Fahrpläne ja wohl das völlig falsche Zeichen. Soll heißen, Deine Angst ist weitgehend unbegründet.

Da muss ich sagen, das oberste Ziel wäre, durch Attraktivitätssteigernde Maßnahmen die Fahrgäste zurückzugewinnen und nicht durch so etwas einen weiteren Rückgang zu provozieren.
Zwei Streiktage in zwei Wochen tragen gewiss nicht zur Attraktivitätsminderung des ÖPNV in dieser Stadt bei, die zu Fahrgastverlusten führt. Zumal die Verantwortung dafür nicht bei den Mitarbeitern, sondern bei der Chefetage selbst liegt, die sich jeglicher Verhandlungen verweigert. Die Attraktivität wird derzeit vor allem durch das Handeln der LVB-Bosse selbst gemindert, indem man nämlich selbst Monate nach dem Lockdown immer noch auf vielen Linien im 15er Takt und abends fast gar nicht mehr fährt, damit die Wegezeiten der Fahrgäste verlängert und Anschlüsse platzen lässt.

Viele Fahrgäste haben weniger Geld durch Kurzarbeit oder weil sie als Selbstständige um ihre Existenz kämpfen.  Und dann knapp 5 % mehr fordern? Wie soll man das dem Fahrgast erklären?
Mieten steigen, Strom wird teuerer, Lebensmittel ebenso. Mit einem Dankeschön der Fahrgäste wirst Du das nicht bezahlen können. Du hast einen Vertrag mit den LVB, nicht mit den Fahrgästen. Deine Fahrgäste hingegen haben einen Vertrag mit ihrem Arbeitgeber. Es liegt an ihnen selber, mit einer starken Gewerkschaft im Rücken ihre eigenen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Und wenn wegen eines Frisörstreiks Dein Termin ebendort ausfällt, schneidest Du Deine Haare ja auch nicht gleich selber...

Wenn Deine Fahrgäste tatsächlich arbeitslos werden, heißt das ja nicht, dass sie es bleiben müssen. Jobs gibt es in vielen Branchen in rauhen Mengen, Personalmangel allerorten. Das fängt ja schon bei Euch Straßenbahn- und Busfahrern an, Lokführer, Zugbegleiter, Pflegekräfte, Handwerker... Chancen hat jeder, man muss sie nur nutzen.

Im Übrigen liegt es an Stadt und LVB, inwieweit sie die Fahrpreise erhöhen oder Mehrkosten durch höhere Zuschüsse ausgleichen. Personalkosten machen im Übrigen nur einen Teil der Gesamtkosten aus, die mit den Fahrgeldern zu begleichen sind. Eine Gehaltserhöhung von drei Prozent führt letztendlich zu einer Fahrpreiserhöhung von nichtmal einem Prozent bzw. drei Cent. Damit verprellt man keine Fahrgäste, die man nicht schon mit der angeblich coronabedingten Fahrplanausdünnung vergrault hat...

Und natürlich vergraulen die Streiks Fahrgäste
Die Erfahrungen aus den Lokführerstreiks der vergangenen Jahre besagen da was ganz anderes, und die waren deutlich umfangreicher als das, was ver.di bis jetzt durchgezogen hat. Die Lokführerstreiks haben jedenfalls zu keinem nachhaltigen Rückgang der Fahrgastzahlen bei der Eisenbahn geführt, die Züge waren zwischen und nach den Streiks so voll wie immer.

Gruß Peter
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Ich würdige meinen Beruf nicht herab, ich sehe nur, wie sich der Fahrgast verhalten wird. Und wir sehen es doch, sobald die Nachfrage nicht stimmt, wird das Angebot gekürzt. Und ich gehe sicher davon aus, dass kein Kollege mir einen Anteil an der Differenz zu Hartz IV bezahlen wird, wenn ich meinen Job aufgrund einer solchen Kürzung verliere. Und weil du es ansprichst. Solidarität heißt für mich, dass der einzelne zum Wohle der Allgemeinheit einschränken muss.  Und jeder Fahrgast, der nicht mehr einsteigt führt die Unrentabilität ein wenig näher. Und ganz ehrlich, für mich als Fahrgast wäre es nur ein Tritt in den Arsch, wenn ich es mitfinanziere, dass es für das  Personal keine oder nur geringe Gehaltseinbußen gibt, und dann gleich durch eine Gehaltserhöhung noch mehr zur Kasse gebeten werde. Lest euch ruhig mal die Kommentare in den Sozialen Netzwerken durch.  Da sind die Leute sauer und wenn die nicht mehr fahren, trifft mich das härter, als wenn ich jetzt nur eine geringe Erhöhung erhalte.
Und auch wenn es off-topic ist: Ja, die Preise steigen, aber sehr moderat. Z.B. Lebensmittel und Dienstleistungen ca. 1 %.  Das wäre im Bereich des Angebots.
Und klar von 1.500 € ist kein großer Luxus drin, das grundlegende Tägliche Leben ist aber gewährleistet.  Auch mit Familie klappt es, wenn man im Rahmen des realistischen bleibt.  Natürlich Mehr ist immer schön, aber wenn es zulasten der Gesellschaft geht, bin ich jemand der da sehr vorsichtig ist.
Und ich bin schon der Meinung, dass man zumindest Anreize schaffen sollte, dass man jede zumutbare Arbeit annimmt, Stichwort Solidarität. Der Einzelne sollte auch seinen  Teil zur Gesellschaft beitragen und die anderen nicht über Gebühr belasten.  Meiner Ansicht nach, wenn man es hierarchisch strukturieren müsste, stünde der Kunde eine Stufe über dem Arbeitnehmer, wobei natürlich Dienstvorschriften und Gesetze ganz oben stehen. Ich kenne das von mir selber, bei mir gibt es ein bis zwei Chancen, und wenn die Zuverlässigkeit  im Eimer ist oder ich merke, mit dem Rad oder zu Fuß bin ich deutlich schneller, dann ist privat der Bus oder die Bahn halt kein geeignetes Fortbewegungsmittel mehr, erst recht, wenn ich kein vollwertiges Abo für Leipzig habe, sondern dieses wenigstens zum Teil privat finanzieren muss. 

Mit solchen Ängesten spielen Arbeitgeber immer gerne in derartigen Konflikten. Und wie man sieht, bei manchen Kollegen funktioniert das auch. Nur mal so, den LVB fehlen Fahrer in rauhen Mengen, die Fahrpläne werden schon seit Jahren personalbedingt ausgedünnt. Zudem reden wir von einer dringend notwendigen Verkehrswende, da wäre ein Ausdünnen der Fahrpläne ja wohl das völlig falsche Zeichen Soll heißen, Deine Angst ist weitgehend unbegründet.

Peter, dass sehe ich leider anders, am Ende entscheidet immer die Wirtschaftlichkeit. Siehe  /SL.009 in Markkleeberg oder der - glücklicherweise wieder gestoppte Neubau der Schalchthofbrücke ohne Gleise, die Einstellung der  /SL.002 an Sonntagen... Es wird gespart, wo es nur geht und nicht völlig unverhältnismäßig ist. Oder auch die Tatsache, dass der Ausbau zahlreicher Bahnstrecken nicht vom Fleck kommt.  Die Nachfrage bestimmt weitgehend das Angebot, nicht umgekehrt.

Zwei Streiktage in zwei Wochen tragen gewiss nicht zur Attraktivitätsminderung des ÖPNV in dieser Stadt bei, die zu Fahrgastverlusten führt. Zumal die Verantwortung dafür nicht bei den Mitarbeitern, sondern bei der Chefetage selbst liegt, die sich jeglicher Verhandlungen verweigert. Die Attraktivität wird derzeit vor allem durch das Handeln der LVB-Bosse selbst gemindert, indem man nämlich selbst Monate nach dem Lockdown immer noch auf vielen Linien im 15er Takt und abends fast gar nicht mehr fährt, damit die Wegezeiten der Fahrgäste verlängert und Anschlüsse platzen lässt.

Vielleicht zwei Streiktage nicht, aber in Kombination wie oben schon geschrieben, wird es für die Fahrgäste unverständlich.  Warum ich  derzeitige hohe Gehaltssteigerung für falsch halte, habe ich oben erläutert, deswegen wiederhole ich es nicht dazu. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass der 10-Minuten-Takt seit 31.08.2020 wieder überall gilt. Die abendlichen Einschränkungen zeigen, was passiert, wenn die Fahrgastzahlen nicht stimmen...

Mieten steigen, Strom wird teuerer, Lebensmittel ebenso. Mit einem Dankeschön der Fahrgäste wirst Du das nicht bezahlen können. Du hast einen Vertrag mit den LVB, nicht mit den Fahrgästen. Deine Fahrgäste hingegen haben einen Vertrag mit ihrem Arbeitgeber. Es liegt an ihnen selber, mit einer starken Gewerkschaft im Rücken ihre eigenen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Und wenn wegen eines Frisörstreiks Dein Termin ebendort ausfällt, schneidest Du Deine Haare ja auch nicht gleich selber...

Wenn Deine Fahrgäste tatsächlich arbeitslos werden, heißt das ja nicht, dass sie es bleiben müssen. Jobs gibt es in vielen Branchen in rauhen Mengen, Personalmangel allerorten. Das fängt ja schon bei Euch Straßenbahn- und Busfahrern an, Lokführer, Zugbegleiter, Pflegekräfte, Handwerker... Chancen hat jeder, man muss sie nur nutzen.
Wie schon geschrieben - und heute nochmals geprüft - sind die Preissteigerungne derzeit moderat. Und zwar sehr moderat, in Summe sogar eine Deflation in den vergangene Monaten. Das Argument taugt derzeit nicht.  Im Übrigen, bis auf die von dir Aufgezählten Eisenbahner sind  es Berufe, die auch nicht unbedingt große Löhne haben. Und zudem erfordern alle Berufe ein sehr charakteristisches Profil an Fähigkeiten, das halt nicht jedem liegt, wofür auch nicht jeder geeignet ist. Das kann auch nicht jeder steuern.   Tatsächlich, wenn beim Friseur ein Tarifkonflikt wäre, würde ich mich nicht unbedingt noch mal ein paar Wochen später auf das gleiche Risiko einlassen. 

Und zur Eisenbahn: Die Eisenbahn ist für viele Menschen mehr als ein Fortbewegungsmittel, sondern  auch ein Büro auf Rädern. Ein Familienangehöriger fährt täglich je Strecke ca. 1,5-2 h mit dem Zug, obwohl er mit dem Auto etwa zwei dritter der Zeit braucht. Allerdings ist die Zeit im Auto vertane Zeit, während er im Zug arbeiten kann. Bei den kurzen Verweildauern im Fahrzeug, engen Sitzplatzabständen und keinem garantierten Sitzplatz eignet sich die Straßenbahn oder der Bus eher weniger dazu. Für mich ein Vergleich von Äpfeln und Birnen.

Offline MD 612

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Ich würdige meinen Beruf nicht herab, ich sehe nur, wie sich der Fahrgast verhalten wird. Und wir sehen es doch, sobald die Nachfrage nicht stimmt, wird das Angebot gekürzt.
Ich sehe vor allem, dass Du Dich anscheinend von Deiner Chefetage schon gut hast einlullen lassen. Coronabedingte Fahrgastrückgänge gab es im ÖPNV überall, nicht nur in Leipzig. Leipzig ist aber mittlerweile die einzige Stadt, wo immer noch die Fahrpläne ausgedünnt sind. Und nochmal, die Fahrgäste bleiben nicht in Scharen weg, nur weil mal ein oder zwei Tage gestreikt wird. Das Angebot wurde nicht wieder hochgefahren, weil die Fahrgäste ausbleiben. Umgekehrt ist es, die Fahrgäste bleiben weg, weil das Angebot noch nicht wieder hochgefahren wurde. Gerade auch abends.

Und ich gehe sicher davon aus, dass kein Kollege mir einen Anteil an der Differenz zu Hartz IV bezahlen wird, wenn ich meinen Job aufgrund einer solchen Kürzung verliere.
Angst und Schrecken verbreiten kann Deine Chefetage offensichtlich ganz gut. Das Angebot ist im Nahverkehrsplan der Stadt festgeschrieben, die jetzigen Ausdünnungen wurden von der Stadt nur vorübergehend geduldet. Von daher ist Deine Angst völlig umsonst. Und ganz ehrlich, wer Straßenbahnen und Busse fahren kann, ist für viele andere Berufe auch geeignet, die genauso und besser bezahlt werden.

Solidarität heißt für mich, dass der einzelne zum Wohle der Allgemeinheit einschränken muss.
Hast Du schonmal Deinen Chef gefragt, welches sein Beitrag zu dieser Solidarität ist??

Und klar von 1.500 € ist kein großer Luxus drin, das grundlegende Tägliche Leben ist aber gewährleistet.
Das siehst Du so, aber Deine Kollegen müssen das nicht genauso sehen. Die wollen sich vielleicht als Entschädigung für ihre anstrengende und nervenaufreibende Arbeit doch mal etwas Luxus gönnen??

Und nochwas: Der Laden sucht händeringend Fahrpersonale. Wie wäre es denn, den potenziellen Bewerbern mal attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten?? Das erreicht man aber nicht mit Nullrunden und Unterschieden beim Urlaub in Ost und West. Ganz ehrlich, für 1500 Euro netto würde ich mir den Job mit allen seinen Facetten nicht antun, und viele potenzielle Bewerber sehen das ebenso.

Natürlich Mehr ist immer schön, aber wenn es zulasten der Gesellschaft geht, bin ich jemand der da sehr vorsichtig ist.
Nimmt diese Gesellschaft etwa Rücksicht auf Dich??

Und ich bin schon der Meinung, dass man zumindest Anreize schaffen sollte, dass man jede zumutbare Arbeit annimmt, Stichwort Solidarität.
Anreize dazu wären vor allem höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen, nicht die Zunahme von Zwangsmaßnahmen für Arbeitslose. Die Sklaverei haben wir nämlich schon vor Jahrhunderten abgeschafft. Arbeit muss sich lohnen, und das tut sie vielerorten nicht. Alleine die Tatsache, dass ein Zugbegleiter bei der Eisenbahn einen weit höheren Stundenlohn hat als ein Straßenbahnfahrer mit weit höherer Verantwortung, sollte Dir doch mal zu denken geben.

am Ende entscheidet immer die Wirtschaftlichkeit. Siehe  /SL.009 in Markkleeberg
Richtig, aber die Einstellung der 9 nach M'berg hatte keine Arbeitsplatzverluste zur Folge, weil statt der Bahn jetzt der Bus genauso oft fährt.

die Einstellung der  /SL.002 an Sonntagen...
Dafür im Normalfahrplan der 10er Takt auf allen Linien an Sonnabenden, das war ja auch nicht immer schon so. Bitte nicht immer alles nur einseitig betrachten. Und soweit ich weiß, war die Einstellung der 2 auch nur coronabedingt und nicht dauerhaft.

Die Nachfrage bestimmt weitgehend das Angebot, nicht umgekehrt.
Das das der falsche Weg ist, da sind wir uns hoffentlich einig. Aber daran ändert eine ordentliche Gehaltserhöhung nichts, die den Fahrern gegönnt sei.

Vielleicht zwei Streiktage nicht, aber in Kombination wie oben schon geschrieben, wird es für die Fahrgäste unverständlich.
Also ich habe in den Medien auch viel Verständnis für den Streik herausgehört. Und wie geschrieben, die Attraktivität leidet nicht wegen zweier Streiktage, sondern wegen der Weigerung der LVB-Chefetage den Regelfahrplan wieder einzuführen. Die sind in der Pflicht, nicht die ver.di-Mitglieder, die ihren berechtigten Forderungen Nachdruck verleihen. Die Chefetage ist auch in der Pflicht, annehmbare Angebote in die Tarifverhandlungen einzubringen, damit weitere Streiks verhindert werden. Wer wie Du den Gewerkschaftsmitgliedern die Berechtigung für die Streiks abspricht, stempelt die Arbeitnehmer zu Bittstellern ab, die am Ende völlig vom guten Willen der Chefetage abhängig sind. Und genau das ist der falsche Weg, den ver.di in den 90ern viel zu lange mitgetragen hat.

Im Übrigen weise ich darauf hin, dass der 10-Minuten-Takt seit 31.08.2020 wieder überall gilt.
Na also, es geht doch. Wovor hast Du jetzt noch Angst??

Im Übrigen, bis auf die von dir Aufgezählten Eisenbahner sind  es Berufe, die auch nicht unbedingt große Löhne haben. Und zudem erfordern alle Berufe ein sehr charakteristisches Profil an Fähigkeiten, das halt nicht jedem liegt, wofür auch nicht jeder geeignet ist. Das kann auch nicht jeder steuern.
Und trotzdem willst Du, wie oben zu lesen ist, Arbeitslose mit Zwangsmaßnahmen dorthin bringen?? Erkenne den Widerspruch...

Die Eisenbahn ist für viele Menschen mehr als ein Fortbewegungsmittel, sondern  auch ein Büro auf Rädern.
Das ist doch Quatsch. Erstens zählt das Argument, wenn überhaupt, nur für den Fernverkehr. Aber auch im Nahverkehr gab es keine Fahrgastrückgänge während und nach den Streikphasen. Und zweitens würden mit Deiner Argumentation des Attraktivitätsverlustes durch Streiks auch die Fahrgäste wegbleiben, die die Eisenbahn tatsächlich als Büro sehen.

Und im Übrigen, es hat ja auch in der Vergangenheit schon Streiks im ÖPNV gegeben, teilweise auch an mehreren Tagen während einer Tarifrunde. Hat das zu Rückgängen der Fahrgastzahlen geführt?? Natürlich nicht.

Gruß Peter
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Ich sehe vor allem, dass Du Dich anscheinend von Deiner Chefetage schon gut hast einlullen lassen. Coronabedingte Fahrgastrückgänge gab es im ÖPNV überall, nicht nur in Leipzig. Leipzig ist aber mittlerweile die einzige Stadt, wo immer noch die Fahrpläne ausgedünnt sind. Und nochmal, die Fahrgäste bleiben nicht in Scharen weg, nur weil mal ein oder zwei Tage gestreikt wird. Das Angebot wurde nicht wieder hochgefahren, weil die Fahrgäste ausbleiben. Umgekehrt ist es, die Fahrgäste bleiben weg, weil das Angebot noch nicht wieder hochgefahren wurde. Gerade auch abends.
Deinen Optimismus teile ich nicht. Wenn die Fahrgäste wegen des schlechten Angebots wegblieben, wie erklärst du dir den Rückgang auch am Tage? Und der ist deutlich sichtbar.

Angst und Schrecken verbreiten kann Deine Chefetage offensichtlich ganz gut. Das Angebot ist im Nahverkehrsplan der Stadt festgeschrieben, die jetzigen Ausdünnungen wurden von der Stadt nur vorübergehend geduldet. Von daher ist Deine Angst völlig umsonst. Und ganz ehrlich, wer Straßenbahnen und Busse fahren kann, ist für viele andere Berufe auch geeignet, die genauso und besser bezahlt werden.
So ein Plan kann man auch ändern oder die Duldung verlängern. Und von deinen vorhin genannten Berufen könnte ich vielleicht auch noch zur Eisenbahn gehen, das ja, wobei ich gerne in Leipzig und Umgebung bliebe, womit Fernverkehr für mich keine Option wäre (ist aber personenabhängig) aber vom Körperbau her  hätte ich  zum Beispiel für Pflege oder Handwerk falsche Voraussetzungen.  Das geht sichelrich auch anderen Kollegen so.

Das siehst Du so, aber Deine Kollegen müssen das nicht genauso sehen. Die wollen sich vielleicht als Entschädigung für ihre anstrengende und nervenaufreibende Arbeit doch mal etwas Luxus gönnen??
Habe ich behauptet, dass meine Kollegen das genauso sehen müssen? Ich finde, jeder sollte seine Meinung haben dürfen, aber ob Streik oder nicht bzw. Verständnis oder nicht ist glücklicherweise immer noch die Entscheidung des Einzelnen.  Ich respektiere die Entscheidung der Anderen und erwarte auch Respekt für meine Entscheidung. - Wobei ich als Nicht-LVB-Mitarbeiter ohnehin keine Wahl hatte. Man kann gerne mit mir diskutieren, aber es sollte alles auf einer sachlichen Ebene bleiben.


Nimmt diese Gesellschaft etwa Rücksicht auf Dich??

Als Einzelner finde ich, sollte ich mich in die Gesellschaft integrieren und versuchen, den Bedürfnissen der Mehrheit zu folgen und seine Problmee möglichst selbst zu lösen. Deswegen ist das für mich relativ irrelevant.


Anreize dazu wären vor allem höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen, nicht die Zunahme von Zwangsmaßnahmen für Arbeitslose. Die Sklaverei haben wir nämlich schon vor Jahrhunderten abgeschafft. Arbeit muss sich lohnen, und das tut sie vielerorten nicht. Alleine die Tatsache, dass ein Zugbegleiter bei der Eisenbahn einen weit höheren Stundenlohn hat als ein Straßenbahnfahrer mit weit höherer Verantwortung, sollte Dir doch mal zu denken geben.
Richtig, aber die Einstellung der 9 nach M'berg hatte keine Arbeitsplatzverluste zur Folge, weil statt der Bahn jetzt der Bus genauso oft fährt.
Ich habe übrigens von Anreizen und nicht zwangsmaßnahmen geschrieben, aber so etwas wie eine Prämie beim Abschluss eines Vertrages, die über meinetwegen maximal 12 Monate gezahlt wird, solange derjenige in Arbeit ist, hielte ich nicht für verkehrt, genausowenig wie für ernsthafte Bewerbungsbemühungen und  ein stärker gestaffeltes ALG, nach Dauer des Beschäftigungsverhältnisses und der Arbeitslosigkeit. Und die  /SL.009 war als Beispiel gedacht, dass sich das Angebot halt der Nachfrage anpasst. Bricht die Nachfrage weg, ist das Angebot auch weg.

Dafür im Normalfahrplan der 10er Takt auf allen Linien an Sonnabenden, das war ja auch nicht immer schon so. Bitte nicht immer alles nur einseitig betrachten. Und soweit ich weiß, war die Einstellung der 2 auch nur coronabedingt und nicht dauerhaft.
Das das der falsche Weg ist, da sind wir uns hoffentlich einig. Aber daran ändert eine ordentliche Gehaltserhöhung nichts, die den Fahrern gegönnt sei.
Hier erinnerst du dich m.E. falsch. Die Taktverdichtung von 15 auf 10 Minuten am Samstag wurde durch den Ferienfahrplan (damals nur in den Sommer- und Weihnachtsferien) erkauft. Jetzt erfolgten die Rückschritte jeweils ohne Verbesserung. Ich bin gespannt, wie es nach Jahresende weitergeht, ich befürchte aber, die Duldung wird verlängert. Im Übrigen glaube ich auch, dass  bei weiterhin geringer NAchfrage auch weitere Ausdünnungen des Taktes vorstellbar sind, gerade im Hinblick auf einen nicht unwahrscheinlichen 2. lokalen Lockdown . Wir kennen (leider) die Stadt Leipzig.
Und "Bittsteller" ist das falsche Wort, aber was für mich ganz sicher ist, ist dass man als Angestellter sowohl die Interessen der Kunden und die wirtschaftliche Situation seines Unternehmens im Blick haben sollte.
Streiks jetzt sind ohne Zweifel rechtlich einwandfrei, ob man Verständnis dafür hat, ist eine andere Seite. Das kann jeder für sich beantworten.